Wie versprochen, so gebrochen? Gigabit-Internet im Selbstversuch (Update)

Alle reden vom Gigabit-Internet. Wir haben es bereits. Allerdings ist leider nicht alles Gold, was glänzt und wir entdecken plötzlich völlig neue Stolpersteine. Den schnellen Anschluss haben zu wollen und am Ende auch (irgendwann) zu bekommen ist nur die eine Sache, ihn dann auch optimal zu nutzen, eine völlig andere.

Update vom 30.04.2018 10:45

Wir haben mittlerweile die BNG-Migration erfolgreich hinter uns gebracht und das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Wir haben die Messergebnisse an den Schluss des Artikel angehängt

Was der Artikel nicht kann und auch gar nicht beabsichtigt: wir werden keinen Provider-Vergleich vornehmen, weil durch die Nutzungsüberlassung der einzelnen Anbieter untereinander bzw. ähnliche Technik und Infrastruktur von Haus aus schon zu viele Unklarheiten bleiben würden. Außerdem sind die Angebote von Ort zu Ort sehr unterschiedlich und eine wirklich faire und objektive Beurteilung wäre zudem auch nur eine kurze Momentaufnahme. Und wenn wir mal ehrlich sind: so gern wie wir noch einen zweiten oder dritten Standort getestet hätten, niemand konnte uns einen ähnlichen Anschluss für Langzeitmessungen anbieten. Somit bleibt uns nur unser eigener Anschluss. Aber auch der hat(te) es in sich!

Wir machen einen auf dicke Dose: Wer hat, der hat.Wir machen einen auf dicke Dose: Wer hat, der hat.

Vorbemerkung zur Hardwareauswahl beim Langzeit-Test

Wir haben es oft genug bewiesen, dass es durchaus problematisch werden kann, wenn man Produkte unterschiedlicher Hersteller mischt bzw. mit verschiedenen Chips im Inneren arbeitet. Egal ob nun Router Probleme mit dem IP-TV haben (Multicast), oder das WLAN nicht Mesh-fähig ist:  konkurrierende Netze sind genauso tödlich für die Performance, wie unerklärliche Drops oder gar Blackouts.

Es steht jedem frei, die Marke bzw. den Hersteller zu verwenden, dem er vertraut oder der ihm am günstigsten erscheint. Aber man muss sich zumindest sicher sein können, dass z.B. die verbauten Wi-Fi-Chips im Inneren miteinander harmonieren bzw. alle Features bieten, die man für seine Zwecke im Netzwerk gern hätte. Sonst hat man schnell mal einen Fallback auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Wenn wir in diesem ersten Review und den noch folgenden Tutorials auf AVM und so viele Fritz!-Produkte setzen, dann schlicht und ergreifend deshalb, wir damit (fast) alle Einzelbereiche abdecken konnten. Wo es Alternativen gibt, die wir problemlos einbauen konnten, werden wir natürlich darauf auch eingehen, denn AVM bietet z.B. keine Switches an. Die aber braucht man unbedingt, wenn man eine größere LAN-Struktur nutzen möchte. Doch beginnen wir zunächst beim Internet-Anbieter, denn über das, was gar nicht erst an der Dose zu Hause ankommt, braucht man auch nicht nachzudenken. Der Rest kommt dann ein andermal.

BNG als Wunderwaffe? Was es mit All-IP auf sich hat

Trotzdem müssen wir noch einmal kurz in die Theorie abgleiten, bevor es mit der Praxis weitergeht. Wir kennen zwar alle die “Zwangsumstellung” der analogen Telefonanschlüsse, doch was genau dahintersteckt, meist nicht. BNG heißt das neue Zauberwort der Telekom, wobei die neue All-Ip-Struktur bei anderen Anbietern letztendlich nicht (viel) anders aussieht. Neben der Vereinfachung der Struktur, stehen natürlich auch Fragen wie eine Kostenersparnis (für den Anbieter) und eine mögliche (zukunftssichere) Erweiterbarkeit auf dem Aufgabenzettel.

Quelle: wik ConsultQuelle: wik Consult Quelle: wik ConsultQuelle: wik Consult

Ohne jetzt zu kompliziert auszuschweifen. erklären wir es stark vereinfacht. Das BNG (Broadband Network Gateway) hat die Aufgabe, den Verkehr vom Anschluss des Endkunden hin zu einem MPLS (Multi Protocol Label Switching) IP-Routernetzwerk zu konzentrieren. Beim Upstream muss der über das Ethernet-Protokoll ankommende Verkehr gebündelt, geprüft und quasi mit einem Label versehen werden, bevor er im MPLS eingespeist werden kann.

Beim Downstream übernimmt das BNG den Verkehr aus dem Routernetz, entfernt das Label und gibt ihn über das Ethernet Protokoll wieder an den Kundenschluss zurück. Das BNG vereint somit die Funktionen eines Ethernet-Switches, eines BRAS (Broadband Remote Access Server, z.B. Zugangskontrolle zum IP-Netz und die Autorisierung bzw. Zugang zu den gebuchten Diensten) und eines LER (Label-Edge Routers) in einem Gerät.

Quelle: Telekom AGQuelle: Telekom AG

Wir sehen, dass das BNG erst einmal alle vorhandenen Techniken mit einbezieht. Deshalb vergessen wir für unseren Artikel DSL und das gerade so hippe VDSL (Vectoring), denn es ist am Ende auch nur eine Sackgasse. FFTH (Fiber To The Home) ist aktuell der neue Dominator auf der Überholspur der Datenautobahn. Aber selbst, wenn man so einen Anschluss letztendlich hat, ist noch nicht alles so, wie man es gern hätte.

Die Diskussion, wie viele MBit/s es dann im Down- und Upstream sein sollen, hängt wiederum vom Anbieter und dessen Möglichkeiten, sowie den eigenen Erfordernissen (oder Ansprüchen ab). Am Ende gilt aber all das, was wir nun schreiben aber für alle Geschwindigkeiten. Mal mehr und mal weniger, je nachdem.

Gigabit ist nicht Gigabit, nur ein “bis zu”

Auf dem Weg zu neuen Down- und Upload-Rekorden, hat uns die Telekom natürlich so einige Stolpersteine gelegt, was bereits mit dem Kleingedruckten im Vertrag beginnt und auf der Homepage samt vollmundiger Werbung so nicht zu lesen ist. Der erste Knick im Stimmungsbarometer kommt nämlich, wenn man die Auftragsbestätigung in den Händen hält:

Die minimale Geschwindigkeit beträgt 550 MBit/s im Download und 450 MBit/s im Upload. Die maximale Geschwindigkeit beträgt 1.000 MBit/s im Download und 500 MBit/s im Upload. Die normalerweise zur Verfügung stehende Geschwindigkeit beträgt 750 MBit/s im Download und 480 MBit/s im Upload.

Das liest sich dann schon deutlich anders, nur beworben wird es so nicht. Logisch. Doch kommt wenigstens auch an, was man als Mindestpaket garantiert bekommt? Auch da haben wir aber so unsere Zweifel. Denn je mehr Anschlüsse seit Oktober 2017 an unserem OLT dazu kamen, umso schlechter wurden nämlich auch die durchschnittlichen Datenraten. Dazu kommt, dass die Telekom den avisierten Termin für die BNG-Migration wie einen Haufen alten Schnee seit Monaten vor sich herschiebt und auch auf Nachfragen an den Pressesprecher im Vorstand mittlerweile sehr schmallippig reagiert.

Die Ermittlung der Datenraten erfolgte in täglichen, periodisch aufeinanderfolgenden Mehrfachmessungen über insgesamt 6 Monate. Dazu haben wir die Dienste bzw. die Software von cnlab (Software, mit Download), breitbandmessung.de und Oakla, sowie eine eigene Datenverbindung zu einem lokalen Server in der Stadt genutzt und daraus Mittelwerte für die Monate und die Tageszeiten errechnet.

Dazu kommt, dass wir auch vor Netzausfällen und tagelangen Leistungseinbrüchen nicht gefeit waren. Fehlende Datenbankeinträge, ratlose Techniker und ein extrem umständlicher Support sind nichts, was einem das Leben im konkreten Fall wirklich erleichtert hätte. Als Beispiel haben wir mal vier Tage einer Woche aus einem der insgesamt vier parallel laufenden Messungen herausgepickt, in der tagelang sowohl der Upstream, als auch der Downstream nicht einmal annäherungsweise das boten, was man eigentlich bezahlt hat. Dazu kommt, dass sich die Telekom bei einer Gebührenrückerstattung nicht nur schwertut, sondern komplett auf stur schaltet.

Teilmessung bei einem der ServerTeilmessung bei einem der Server

Nach Monaten aufgegliedert, sieht das Ganze im Überblick eher durchwachsen aus. Betrachten wir zunächst die Datenrate beim Downstream. Die Durchschnittswerte liegen alle über dem garantierten Maximum, aber sie sagen nichts über die Momente aus, in denen stellenweise gar nichts mehr ging.

So liegen die schlechtesten Werte ab November 2017 immer unter dem ausgelobten Minimum (im März waren stundenweise noch nicht einmal 6 MBit/s verfügbar, siehe vorheriges Teil-Diagramm), während die Durchschnittswerte kontinuierlich von Monat zu Monat abnahmen. Sie liegen zwar immer über dem garantierten Minimum, aber ab November 2017 immer zum Teil auch deutlich unter der “normalerweise zur Verfügung stehenden” Geschwindigkeit. Das Maximum fließt, wie auch das Minimum, immer in den Durchschnitt mit ein und ist eine eher kurzzeitige Erscheinung.

Interessanter ist hier aber die Upload-Rate. Sie fällt nämlich nicht nur kontinuierlich, sondern liegt seit Februar konstant unterhalb dessen, was laut Vertrag garantiert wird. Im März waren tagelang kaum 350 MBit/s möglich, stellenweise noch nicht einmal 300 Mbit/s. Rückfragen im Januar beim Support mit Fragen nach einer möglichen Rückerstattung wurden komplett abgebügelt und es wurde lediglich auf die nicht vorhandenen Zuständigkeiten hingewiesen. Immerhin kam dann nach 3 Monaten und einigen Anrufen im März noch mal ein Techniker.

Auch ein Tausch des Modems, sowie eine Ergänzung fehlender Datenbankeinträge brachten nur begrenzte Linderung, denn die Mindestdatenrate beim Upload wird immer nicht ganz (durchgängig) erreicht, auch wenn die ausgelobten 450 MBit/s zumindest in Sichtweite sind.

Betrachten wir nun noch die Auswertung nach Tageszeiten, die wir ebenfalls ohne BNG-Migration durchführen mussten (die ja angeblich all diese Probleme lösen soll), weil es die Telekom terminlich bisher nicht realisieren konnte:

Wir sehen die große Abhängigkeit von der Tageszeit mit den großen Dellen frühmorgens und am Abend, was einmal mehr zeigt, dass Deutschland ganz offensichtlich ein Volk von Frühaufstehern ist. Gut es läuft, aber im Hinblick auf die monatlichen Kosten und die Probleme stehen wir mit gespaltenen Gefühlen da. Wenn es läuft: geil. Ansonsten fehlt ein wenig die Rechtfertigung vor dem eigenen Portemonnaie, wieso es gerade Giga sein musste. Aber brauchen kann man es durchaus.

Fazit und Zusammenfassung

So schön heil, wie gern beworben, ist die Mangenta-Welt der Highspeed-Datenautobahn also dann doch nicht so ganz. Allerdings sind wir guter Hoffnung, dass man mit der noch (irgendwann) anstehenden BNG-Migration auch die letzten Fesseln lösen kann. Was uns jedoch wirklich ärgert, ist die Ignoranz des Anbieters in Bezug auf die ausgelobten Mindestdatenraten. Auch wenn es nur wenig ist, was am Mindestwert fehlt – zu wenig ist zu wenig, da beißt die Maus keinen Faden ab. Rückerstattung ist leider kein Thema und so bleibt das Gefühl zurück, dass ein Premium-Preis noch lange nicht garantiert, auch ein fehlerfreies Premium-Produkt in der zu erwartenden Form zu erhalten. Das wiederum ist für uns recht ärgerlich, schon aus Prinzip.

Update vom 30.04.2018

Mittlerweile hat es die Telekom nun auch bei uns geschaft, die schmalen und komplett überlasteten Uplinks zu ersetzen und mittels durchgeführter BNG-Migration für mehr Bandbreite zu sorgen. Wie konstant das nun bleibt, das wird sich noch zeigen müssen. Aber es ist zumindest schon einmal ein guter Anfang. Und dies zählt erst einmal:

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