Genügsamer Wadlbeißer: AMD Radeon RX 550 im Test

Die Radeon RX 550 ist eigentlich als einzige der nunmehr gelaunchten Grafikkarten von AMD wirklich neu und läuft intern als Polaris 12. Sie zielt eindeutig auf den Einsteigerbereich für unter 100 Euro ab und besetzt damit eine Marktnische, in der Nvidia aktuell keinerlei modernere Karten anbieten kann. Sie ist die direkte Nachfolgerin der noch auf dem Oland-Chip basierenden Radeon R7 250 und konkurriert, neben den hauseigenen APUs, nur noch mit Intels integrierter Grafik. Leichtes Spiel? Wir werden sehen.

Polaris 12 “Lexa” kurz vorgestellt

Der Wechsel von GCN Gen 1 auf GCN Gen 4 bringt neben eindeutigen Performance-Vorteilen auch noch den Sprung von 28 nm planar auf 14 nm FinFET (14LPP), was sich auch in einer nochmals gesteigerten Effizienz niederschlagen sollte. Betrachten wir nun einmal die nachfolgenden Schemen und suchen den Unterschied, denn Polaris 12 bietet bis zu 640 Shader, die in insgesamt 10 Compute Units (CU), sowie zwei Shader-Engines zusammengefasst sind  Bei Polaris 11 sind es hingegen 16 CUs in 2 Engines. Damit besteht, wie auch bei Polaris 11, die Möglichkeit zwei Primitives pro Takt abzuarbeiten.

Die Radeon RX 550 besitzt jedoch nur 8 dieser CU und somit folgerichtig auch nur 512 Shader, sowie 32 Textureinheiten (rechts). Das Back-End des Chips ist großzügiger ausgelegt, wobei die 16 ROPs, der 128-Bit-Speicherbus und der 7 Gb/s GDDR5 Speicher in der Lage sind, bis zu 112 GB/s zu bewegen. Während Polaris 11 jedoch mit einem 1MB L2-Cache kommt,  sind es bei Polaris 12 nur noch 512KB.

Diese 512 Shader sollen laut Referenzvorgaben von AMD mit maximal 1.183 MHz takten können, den Basistakt gibt AMD jedoch mit 1100 MHz an. das reicht dann auch für ca. 1,2 TFLOPS und ergibt somit eine ordentliche Steigerung im Vergleich zur Radeon R7 250, auch wenn auf der Homepage immer noch im Text von 1,7 TFlops geschrieben wird. Die angegebene Leistungsaufnahme sinkt von 60 auf 50 Watt, was wir später noch genauer untersuchen sollen. Mit dem 128-bit breiten Speicher-Interface werden insgesamt vier Module angebunden, die je nach Auslegung der Boardpartner einen Speicherausbau von zwei bzw. vier GByte erlauben.

Wer nun ob und wann mit dem Vollausbau bedient werden wird, lässt AMD derweil noch offen. Exakt das kann man aus Endkundensicht nicht verstehen (und gutheißen), zumal das Namenswirrwarr wie schon bei der RX 460 dann zu Irritationen führen könnte.
Wir wollen auch nicht unerwähnt lassen, dass mit GCN Gen 4 auch neue Video-Codecs und die bessere Video-Engine Einzug halten, sodass z.B. HEVC unterstützt werden kann und auch die Konnektivität mit dem DisplayPort 1.4 und HDMI 2.0 deutlich steigt. Womit wir auch wieder beim HTPC angelangt wären.

Beim Chip haben wir erst einmal gestutzt, denn Made in Taiwan deutet ja nicht gerade auf Globalfoundries hin. Außerdem kam uns auch die Art der Beschriftung bekannt vor, da wie ähnliche Nomenklaturen und Fonts bereits auf Nvidia-Karten gesehen hatten. Das Geheimnis liegt im Packaging, also dem Produktionschritt, wo die GPU zunächst auf einer kleinen Platine gesockelt und fixiert wird. Das geschieht bei ASE (dem größten IC Packaging Fertiger weltweit) in der Factory auf Taiwan, wo auch die Chips von TSMC finalisiert werden. Daher also auch die Ähnlichkeiten im Äußeren.

Im Test: MSI RX 550 Aero ITX 2GB

Da AMD keine eigenen Referenzkarten bereitstellen konnte, nutzen wir ein Exemplar von MSI. Die MSI RX 550 Aero ITX kommt mit einem etwas höheren GPU-Takt von 1203 MHz zum Kunden, beim RAM hat sich hingegen nichts geändert. Einen semi-passiven Lüftermodus sucht man beim Einsteigermodell vergeblich, hier stehen Einfachheit, Sicherheit und natürlich auch ein niedriger Preis im Vordergrund.

Die leichte Übertaktung ab Werk sollte kaum ins Gewicht fallen, zumal wir uns nicht sicher sind, ob die Karte den Boost-Takt aufgrund des sehr niedrig angesetzten Leistungslimits (Boardpower) überhaupt halten kann. Doch dafür haben wir ja dieses Review und unseren Test.

Testsystem und Messmethoden

Das neue Testsystem und die -Methodik haben wir im Grundlagenartikel “So testen wir Grafikkarten, Stand Februar 2017” (Englisch: “How We Test Graphics Cards“) bereits sehr ausführlich beschrieben und verweisen deshalb der Einfachheit halber jetzt nur noch auf diese detaillierte Schilderung. Wer also alles noch einmal ganz genau nachlesen möchte, ist dazu gern eingeladen.

Interessierten bietet die Zusammenfassung in Tabellenform schnell noch einen kurzen Überblick:

Testsysteme und Messräume
Hardware:
Intel Core i3 6320
MSI Z270 Gaming Pro Carbon
G.Skill F4-3200C14Q-32GTZ @ 2400 MT/s
1x 1 TByte Toshiba OCZ RD400 (M.2, System SSD)
2x 960 GByte Toshiba OCZ TR150 (Storage, Images)
Be Quiet Dark Power Pro 11, 850-Watt-Netzteil
Windows 10 Pro (Creators Update)
Kühlung:
Noctua NH-D15
5x Be Quiet! Silent Wings 3 PWM
Thermal Grizzly Kryonaut (für Kühlerwechsel)
Gehäuse:
Lian Li PC-T70 mit Erweiterungskit und Modifikationen
Modi: Open Benchtable, Closed Case
Leistungsaufnahme:
berührungslose Gleichstrommessung am PCIe-Slot (Riser-Card)
berührungslose Gleichstrommessung an der externen PCIe-Stromversorgung
direkte Spannungsmessung an den jeweiligen Zuführungen und am Netzteil
2x Rohde & Schwarz HMO 3054, 500 MHz Mehrkanal-Oszillograph mit Speicherfunktion
4x Rohde & Schwarz HZO50, Stromzangenadapter (1 mA bis 30 A, 100 KHz, DC)
4x Rohde & Schwarz HZ355, Tastteiler (10:1, 500 MHz)
1x Rohde & Schwarz HMC 8012, Digitalmultimeter mit Speicherfunktion
Thermografie:
Optris PI640, Infrarotkamera
PI Connect Auswertungssoftware mit Profilen
Akustik:
NTI Audio M2211 (mit Kalibrierungsdatei)
Steinberg UR12 (mit Phantomspeisung für die Mikrofone)
Creative X7, Smaart v.7
eigener reflexionsarmer Messraum, 3,5 x 1,8 x 2,2 m (LxTxH)
Axialmessungen, lotrecht zur Mitte der Schallquelle(n), Messabstand 50 cm
Geräuschentwicklung in dBA (Slow) als RTA-Messung
Frequenzspektrum als Grafik

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