AMD R9 Nano: High-End-Gaming auf engstem Raum

Eine neue Zielgruppe samt passendem Produkt?

Zumindest was die anvisierte neue Zielgruppe mit den extra großen Monitoren und den um so kleineren PCs betrifft, will man mit der Radeon R9 Nano genau dort ansetzen, woran sich bisher ganz offensichtlich niemand ernsthaft versucht hat.

Konkurrenz? Wohl eher keine – zumindest sieht dies AMD so, wenn es um Ultra-HD-Auflösungen (4K) geht. Denn so schnucklig klein und effizient eine GeForce GTX 970 Mini auch sein mag: Spätestens ab WQHD aufwärts (2560 x 1440 Pixel und höher) werden die verfügbaren dreieinhalb Gigabyte Speicher schnell enger als das verwendete Kleinstgehäuse.

Sicherlich ist das Ganze (vorerst) eine echte Nische – aber dafür eine, wo der Mitbewerber aktuell keine vergleichbaren Lösungen anzubieten hat. Allein dieser Umstand hat natürlich einen gewissen Charme, keine Frage. Im Evolutionsvergleich von AMDs PR-Abteilung sehen wir deshalb also auch nicht die Menschwerdung des Affen, bei der der aufrechte Gang die Neuzeit einläutet, sondern die Minimierung eines Gaming-Boliden bis hin zum Konservendosen-Format, indem man das High-End-Gaming schlichtweg räumlich komprimiert neu definiert.

Hitzige Presswurst oder wirklich eine echte Rennmaschine? Das wiederum müssen natürlich unsere kommenden Tests klären, denn praktische Ergebnisse dürfen wir vorerst leider noch nicht publizieren. Auf Nachfrage nannte AMD zumindest schon einmal offiziell den 07.09.2015 als Tag der Marktverfügbarkeit, so dass danach auch in Kürze die Resultate verfügbar sein dürften.

Auch der bereits genannte Preis von 649 Dollar wird wohl dafür sorgen, dass die von AMD ausgerufene 4K-Nano-Klassengesellschaft zumindest anfangs genau so überschaubar bleibt wie die kolportierte Verfügbarkeit dieser an sich sehr interessanten Karte.

Technische Daten und Parameter

Doch was versteckt sich eigentlich hinter der AMD Radeon R9 Nano, die auf das “Fury” im Namen so permanent verzichtet? Die DNA der Radeon R9 Nano ist erst einmal identisch zur unlängst gelaunchten Radeon R9 Fury X. Beide basieren auf AMDs GCN-Architektur (Graphics Core Next), allerdings nutzt die R9 Nano im Vergleich zur Fury X keine Wasserkühlung, sondern einen speziellen Luftkühler, um die Abwärme der massiven Fiji-GPU abzuführen.

Außerdem gehört die Radeon R9 Nano zur Gruppe der ersten Grafikkarte mit HBM (High Bandwidth Memory) als Grafikspeicher, bei denen direkt neben der Fiji-GPU vier Gigabyte gestapelter Dies auf einem Silizium-Interposer verbaut werden. Dieses Konzept macht derart kompakte Abmessungen überhaupt erst möglich.

Interessant ist, dass im Gegensatz zur normalen AMD Radeon Fury wie schon bei der Fury X der Vollausbau mit 4096 Shadern zum Einsatz kommt, was sicher auch der Grund für den recht stolzen Preis sein dürfte. Auch der HBM-Speicher verfügt über das gleiche Interface und die identische Datenrate im Vergleich zur wassergekühlten Schwester.

Der Trick zur Senkung der Leistungsaufnahme liegt – das werden wir später noch genauer analysieren – im deutlicheren Absenken des jeweils maximal anliegenden Taktes in Abhängigkeit von der konkreten Lastsituation mit einem vermutlich deutlich abgesenkten Power-Limit.

AMD schreibt zwar noch “bis zu 1000 MHz”, doch wir meinen, dass je nach Lastsituation wohl eher 800 bis 900 MHz realistisch sein dürften. Der Blick auf die veröffentlichten Daten bestätigt unsere Vermutungen und die vielen bereits kursierenden Gerüchte und Mutmaßungen:

Werfen wir noch einmal einen kurzen Blick zurück auf den Launch von AMDs neuen Fiji-Chips. So ein Chip ist mit seinen 596 mm² Fläche nun wirklich kein kleiner Vertreter und AMD quetscht gleich einmal satte 8,9 Milliarden Transistoren auf diese Fläche. Diesen Chip setzt AMD dann auf einen 1011 mm² großen Silizium-Interposer, der von vier Blöcken High Bandwidth Memory flankiert wird.

Ein schneller Blick auf Fijis Blockdiagramm lässt zudem erst einmal an das 2013 gelaunchte Hawaii-Design denken – und wenn es nur deswegen ist, weil beide GPUs in vier Shader Engines organisiert sind, von denen jede über einen eigenen Geometrie-Prozessor und Rasterizer sowie vier Render-Backends verfügt, von denen jedes 16 Pixel pro Takt schafft. AMD lässt all das unberührt.

Aber das Unternehmen packt mehr Compute Units in jede Shader Engine, nämlich 16 statt 11. Bei 64 Shadern pro CU resultiert das in 1024 Shadern pro Shader Engine und 4096 Shadern für die gesamte GPU. AMD behält die vier Textur-Filter-Units pro CU bei, was in insgesamt 256 je Shader Engine bei der Fiji-GPU im Vergleich zu den 176 je Shader Engine der Hawaii-GPU resultiert.

Der L2-Cache von Fiji wurde zudem gegenüber Hawaii extrem vergrößert und man kann nun auf zwei Megabyte zugreifen, während im Gegensatz dazu die Anzahl der Raster Operation Processors (ROPs) deutlich unterdimensioniert scheint.

Genau an dieser Stelle kommt bei den Genen noch ein zweiter Chip ins Spiel, den AMD ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit gelauncht hat: Tonga. Betrachtet man nämlich den Aufbau des Back-Ends zusammen mit den Verbesserungen am Speicherinterface von Fiji etwas genauer, bekommt man sehr schnell ein Déjà-vu.

Warum? Hinter dem Design versteckt sich am Ende nichts anderes als eine Art doppelter Tonga. Das Gleiche trifft im einfachen Fall  auch auf das Front-End zu, das man gleich 1:1 übernommen hat. Wer jetzt genau aufgepasst hat, der wird sich fragen, ob nicht das Ungleichgewicht zwischen dem einfachen Front-End und dem doppelt so großen Back-End zu einem Flaschenhals werden kann.

4K Gaming – Trend, Chance, Flucht nach vorn?

Bereits unser Launch-Artikel zu AMDs Fury X hatte ja eindrucksvoll gezeigt, dass exakt dieser Fall immer dann eintritt, wenn das Back-End in niedrigeren Auflösungen nicht genug ausgelastet wird und es schnell mal zu “Lieferengpässen” bei den bereitzustellenden Daten kommen kann.

Genau aus diesem Grund fokussiert AMD bei der R9 Nano sowohl die PR-Strategie als auch die generelle Vermarktung auf den Bereich der UHD-Auflösungen. Man erfindet quasi eine völlig neue Bedarfsgemeinschaft (also Zielgruppe), indem man den Begriff High-End-Gaming auf überwiegend hohe Auflösungen portiert und mit den bereits genannten Vorteilen bei der Platinengröße einfach das Heil in der Flucht nach vorn sucht, indem man vor allem räumlich kleine Systeme ermöglicht und damit deren Verbreitung forcieren möchte.

Das kann nicht nur aufgehen, sondern wird es wohl auch. Denn für kleinere Stückzahlen werden sich unter Garantie auch genügend Käufer finden lassen. Ein Ladenhüter wird die Radeon R9 Nano mit dieser Konzeption sicher nicht, denn dafür ist der Markt einfach zu leer und wird wohl auch nur mühsam zu befriedigen sein. Ein Massenprodukt will man mit der R9 Nano ja eh nicht schaffen, so viel hat AMD dazu bereits gesagt.

Technisch gesehen kann man die angestrebte Nische sicher gut besetzen, denn auch Dinge wie der UVD (Unified Video Decoder) der sechsten Generation sind wieder mit an Bord, so dass wie auch schon bei den beiden Fiji-Schwestern Ultra-HD-Videos mit H.264- und H.265-Codec (HVEC) direkt dekodiert werden können.

Der einzige kleine, aber ärgerliche Fleck auf der ansonsten so aufwändig bestickten 4K-Weste ist das erneute Nichtvorhandensein von HDMI 2.0 und DisplayPort 1.3, was wir wirklich bedauern.

Schauen wir nun, wo sich AMD mit der Radeon R9 Nano wirklich sieht und was man plant, um die angepeilte niedrigere Leistungsaufnahme zu realisieren und das Ganze am Ende auch noch ordentlich und leise genug zu kühlen.

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