Mythos Gaming-Headset: Reines Marketing-Blabla oder echter Vorteil beim Spielen?

Wir haben uns nach nunmehr über 50 getesteten Headsets und mobilen PC-Audio-Geräten gefragt, was eigentlich dieser sagenumwobene Gaming-Sound überhaupt sein soll. Da wurde ja oft (vorgeblich) mit Pro-Gamern entwickelt, dass die Schwarte nur so kracht, und jedes neue Headset sollte dann vor allem bei First-Person-Shootern noch mehr unschlagbare Vorteile bieten.

Angepasster Sound, Raumklang, „Trittschallerkennung“ und was noch alles an sonstigen Dingen – dabei ist den meisten sicher gar nicht klar, was Gaming-Geräusche eigentlich sind und welche Frequenzspektren im Einzelnen wirklich dahinter stecken.

Ich möchte unserem kleinen Exkurs aber zunächst noch ein paar Marketing-Stilblüten voranstellen, die zum Teil so aufgeblasen sind, als erwerbe man das Nonplusultra der technischen Machbarkeit und müsse den Entwicklern noch kniefällig dafür danken, das man an der Revolution des Gamer-Seins überhaupt teilhaben darf.

Werden Sie ein Trendsetter! Das einzigartige Design sorgt dafür, dass Sie mit diesen Kopfhörern hervorstechen. Es wird nicht lange dauern, bis jemand Sie fragt, wo Sie sie gekauft haben. Während wir die modischen und trendigen Kopfhörer entworfen haben, haben wir stets darauf geachtet, dass die Ohren-Pads weich und komfortabel und somit den ganzen Tag lang tragbar sind. Die Lautsprecher sorgen für kristallklaren HiFi-Klang mit enormer Klangweite und klaren Tönen.

Nicht schlecht, HiFi für unter 20 Euro ist eine Kampfansage! Aber nur im Prospekt, leider. Oder begeben wir uns vertrauensvoll in blühende Klanglandschaften:

Mit seinen noch nie dagewesenen 60mm-Neodym-Lautsprechern bietet es eine gewaltige Klanglandschaft und markerschütternden Bass.

Ja klar, markerschütternd war aber nur der Preis von anfangs 150 Euro, der Klang gehörte eher in die 50-Euro-Klasse.

Das xxxxx USB Headset aus dem Hause xxxxx wurde in Zusammenarbeit mit professionellen Gamern entwickelt. Besondere Features wie speziell angepasste Equalizer Einstellungen sollen dem professionellen Zocker das harte Ego Shooter Leben erleichtern.

Lustig, denn für die meisten Geräusche – das werden wir noch sehen und untermauern – sind Equalizer-Experimente pures Gift. Abschließend vielleicht noch dies hier, denn schwülstiger und selbstverliebter geht es eigentlich (n)immer:

Bei xxxxxxxx begeistern wir uns für die Technik, die Gamer erst zu Gewinnern macht. Wir entwickeln präzise Gaming-Geräte. Wir entwickeln die Technologie, mit der sich Gamer in Sachen Speed, Präzision, Zuverlässigkeit und Komfort stets auf dem höchsten Level bewegen. Technik ist unsere Philosophie, unser Leitmotiv beim Erforschen, Testen und Weiterentwickeln des optimalen Gaming-Erlebnisses – im Labor wie im Spiel.

Was haben wir nun genau vor?

Um zu begreifen, dass das klanglich beste und neutralste Kopfhörerpaar mit möglichst großer Bühne und exzellenter Auflösung wirklich die beste Lösung ist, muss man sich die Gaming-relevanten Waffen-, Umgebungs-, Fahrzeug- und Flugzeuggeräusche genauso vor Augen führen, wie die unterschiedlichen Stimmen bei der Sprachwiedergabe. Außerdem muss man in Frequenzumfang und Verlaufskurve, Auflösung und Detailtreue sowie die räumliche Ortung bzw. Bühne trennen.

Um zu veranschaulichen, was man mit Sounding – also dem absichtlichen Verfälschen der Wiedergabe durch Unter- und Überbetonung einzelner Frequenzbereiche – so alles falsch machen kann, hier zunächst zwei exemplarisch ausgesuchte Headsets. Die dicke weiße Linie kennzeichnet den Frequenzverlauf unseres mehr oder weniger neutralen Referenzkopfhörers (Beyerdynamic Custom One Pro), die roten Bereiche die über- und die blauen Bereiche die deutlich unterbetonten Frequenzbereiche.

Zunächst betrachten wir ein durchschnittliches Stereo-Gaming-Headset mit dem typischen Badewannensound, bei dem Bässe und Höhen deutlich überbetont werden und mehr Schein als Sein präsentieren. Die Spitze bei einem Kilohertz ist zudem der Honigtopf für die Standardmessungen, bei denen die 1-kHz-Marke immer als Bezugspunkt gewählt wird:

Die Krönung der Evolution sollen ja laut den Marketing-Spezialisten „echte“ Mehrkanal-Headsets (5.1 oder 7.1) sein, die zudem mehrere Treiber pro Kopfhörer und oft auch noch eine Art speziellen Subwoofer enthalten. Wie so ein teures Headset dann aber auch als klangliches U-Boot stranden kann, haben wir in einem unserer Tests ja bereits schon erfahren können:

Warum zur Hölle verkauft man solche klanglichen Fehlleistungen dann aber als Gamer-Peripherie? Kann es vielleicht doch sein, dass vor allem Schleich-Shooter oder wildes Kampfgetümmel ganz eigene Herausforderungen bereithalten und die Frequenzereiche der relevanten Geräusche so schmalbandig ausfallen, dass sich ein Sounding wirklich lohnt? Wir werden uns auf die Spurensuche begeben und genau das testen.

Versprochen.

Test-Setup, Equipment und Vorlagen

Wir betreiben unseren Referenzkopfhörer Beyerdynamic Custom One Pro (COP) wie üblich an der Asus Xonar Essence STU, die einen vorzüglichen Kopfhörerverstärker besitzt. Die Messung des Siberia V3 erfolgt am selben Ausgang, nur die drei USB-Headsets betreiben wir direkt am Passiv-PC. Als Messmikrofon dient ein in einem improvisierten Kunstkopf (Styropor-Abguss) eingelassenes Beyerdynamic MM1, wobei wir das beiligende Messblatt zur Höhenkorrektur bei der Kalibrierung zu Hilfe genommen haben.

Die Auswertung erfolgt mit Arta, wobei eine Glättung von 1/2 Oktave zur Anwendung kommt, um die leichten Einflüsse des Testaufbaus zu kompensieren. Der als Referenz mit diesem Testaufbau gemessene, fast schon ideale Frequenzverlauf sieht danach so aus:

Die leichten Abweichungen von ca. zwei Dezibel bei ca. 6,9 kHz sind dem COP geschuldet, der nicht völlig (aber doch annähernd) linear spielt.

Die auf den folgenden Seiten zur Analyse der Frequenzspektren verwendeten, Gaming-typischen Geräusche stammen aus Battlefield 4, FarCry 4 und Crysis und repräsentieren exakt den „Gaming-Klangteppich“, der für die Beurteilung der Wiedergabequalität notwenig ist. Interessant ist dabei auch, dass viele Geräusche bei überwiegend 16 kHz gecutted wurden und dass stellenweise sogar vom Spiel heraus ein Art Clipping genutzt wird, um noch lauter zu wirken (Kompression).

Lassen wir uns nun überraschen, was in Spielen wie klingt und welche Frequenzbereiche wiklich benötigt werden. Doch zuvor gibt es noch etwas kurzweilige Theorie, den nörgeln kann ja jeder. Wir wollen es aber auch begründen.

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