Regor, Callisto und die Stromsparer: Phenom II X2, Athlon II X2 & Phenom II X4e

Fangen wir mit dem Interessantesten an. Es hört sich zwar unglaublich an, aber was auch immer AMD tut, um aus einem Vierkern-Deneb (Phenom II X4) einen Dreikern-Heka (Phenom II X3) zu machen beziehungsweise  um 2 MB L3-Cache zu deaktivieren (Phenom II X4 800-Serie): Genau dasselbe passiert auch beim Zweikern-Phenom II mit Namen Callisto.

Um dies zu testen, wechselten wir von unserem Test-Mainboard, einem Gigabyte MA770-UD3, das noch nicht über eine SB750-Southbridge verfügt und daher kein ACC beherrscht, auf ein ASRock M3A790GXH/128M. Bei unseren Kollegen von Tom’s Hardware USA kam dieses Board bereits im Artikel Phenom II: Unlocking Cores, Cache, And A Free Lunch als Testplattform für ähnliche Zwecke zum Einsatz. Damals ging es darum, aus einem X3 einen X4 zu machen und herauszufinden, ob auch der teilweise deaktivierte L3-Cache wieder zum Leben erweckt werden könnte.

Da einige Boards mit neueren BIOS-Versionen die Fähigkeit verlieren, Kerne und Cache frei zu schalten, sahen wir zunächst von einem BIOS-Update ab. Wie erwartet, erkannte das Board die CPU nicht richtig, lief aber ohne zu Murren.

Also ging es als erstes ins BIOS, wo die Clock Calibration auf Auto gestellt wurde, um danach den Rechner neu zu starten. Als wir dann CPU-Z öffneten, trauten wir unseren Augen kaum: Das kleine Tool zeigte alle Kerne als voll funktional und aktiv an!

Um zu überprüfen, dass CPU-Z sich hier nicht hatte hinters Licht führen lassen, ließen wir unseren MainConcept-Benchmark auf den wiedererweckten Vierkern-Prozessor los. Wieder konnten wir es kaum glauben, aber der Test brauchte nur 2:09 und war damit fast doppelt so schnell wie mit dem »normalen« Phenom II X2 550 mit 3,1 GHz. Natürlich sagt ein solch kurzer Testlauf nichts über längere und vor allem intensivere Belastung aus, weshalb wir als nächstes Prime95 starteten und dessen Torture-Test mehrere Stunden laufen ließen. Auch das ist natürlich keine 100-prozentige Stabilitäts-Garantie, doch waren wir geradezu schockiert, dass der Test ohne Fehler durchlief, bis wir ihn beendeten.

Was ist ein Phenom II X4 B50? Eine freigeschaltete Vierkern-CPU!Was ist ein Phenom II X4 B50? Eine freigeschaltete Vierkern-CPU!

Dann folgte der Moment der Wahrheit: Konnten wir das ASRock-Board auf die neuste BIOS-Version 1.10 vom April 2009 updaten und trotzdem weiterhin alle vier Kerne nutzen? Ja, auch das funktioniert. Obwohl auch diese BIOS-Version den Prozessor nicht korrekt erkannte, konnten wir ihn selbst nach dem Update noch in einer Konfiguration betreiben, die ihn irgendwo zwischen einem Phenom II X4 940 und einem Phenom II X4 955 einsortiert. Cool-‘n’-Quiet funktionierte dabei übrigens einwandfrei.

Nur weil es uns gelang, unser Testsample problemlos frei zu schalten, heißt das natürlich nicht, dass es auch mit allen oder überhaupt nur einigen anderen ebenso möglich ist. Wer kann schon beurteilen, inwiefern unser Sample für die CPUs repräsentativ ist, die AMD in den Handel schickt? Andererseits: Würde AMD absichtlich CPUs an Tester verteilen, die sich einfach frei schalten lassen, um die Endkunden dann mit etwas anderem zu beliefern? Plausibler erscheint, dass die auf Doppelkern gestutzten Phenom-II-Modelle einfach nicht die strengere Validierung als X3 oder X4 bestehen. So werden manche Enthusiasten Glück haben und Chips bekommen, denen sie ein wenig mehr entlocken können als der Hersteller verspricht. So lange AMD die Board-Hersteller nicht dazu zwingt, den Phenom II X2 auf zwei Kerne zu beschränken, werden sicherlich viele Berichte von Anwendern im Netz kursieren, die ihre CPUs mehr oder weniger erfolgreich frei schalten konnten.

Dieses Mal fällt der mögliche Gewinn aber auch höher aus als beim X3. Damals ging es darum, aus einem 120-Euro-Prozessor ein 160-Euro-Modell zu machen. Beim Phenom II X2 liegen die Dinge anders, denn hier hebt man einen Prozessor, der weniger als 100 Euro kostet, auf das Leistungsniveau der Klasse über 180 Euro (wenn man den Durchschnittspreis aus X4 940 und X4 955 bildet).

Bei 3,7 GHz lief alles stabil.Bei 3,7 GHz lief alles stabil.

Wir drehen auf
Noch berauscht davon, dass wir alle vier Kerne frei schalten konnten, störte es uns wenig, dass der Phenom II X2 550 sich nicht als übermäßig übertaktungsfreudig erwies. Waren alle Kerne aktiv, konnten wir die Taktfrequenz nur von 3,1 GHz auf 3,4 GHz steigern.

Nachdem wir im BIOS ACC wieder deaktivierten, erkannte das ASRock-Board den Prozessor korrekt als Phenom II X2 550, und der Weg für bessere Ergebnisse war frei.

Unser Test-Sample erreichte zwar sogar 3,8 GHz, war aber mit keiner Kernspannung stabil zu bekommen. Stattdessen gaben wir uns mit 3,7 GHz zufrieden und mussten die Spannung nur auf relativ moderate 1,4 Volt erhöhen.

Übertaktet man die CPU, gewinnt man definitiv an Leistung. Aus unserer Sicht fährt man allerdings besser, wenn man die höhere Geschwindigkeit gegen zwei weitere Kerne mit 3,1 GHz tauscht. Das macht sich vor allem in Anwendungen wie MainConcept bemerkbar. Kommen Programme mit nur einem Thread zum Einsatz, ist die Taktfrequenz des Prozessors immer noch das Maß aller Dinge. Bei Anwendungen, die mehrere Threads parallel ausführen, fallen die Vorteile durch zusätzliche Kerne aber weit größer aus.

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